Die Sorge vor dem Gespräch ist normal. Wer dem Chef oder der Chefin etwas Kritisches sagen will, denkt zuerst an die Folgen: Wird es persönlich genommen? Kommt es im nächsten Mitarbeitergespräch wieder hoch? Die Sorge wird kleiner, wenn du vorher weißt, was genau du sagen willst und was nicht. Dann beschreibst du eine Situation, die ihr beide erlebt habt. Das ist leichter zu hören als ein Urteil.
Beschreib, was passiert ist. „Du planst chaotisch“ ist ein Urteil, über das man streiten kann. „In den letzten drei Wochen kamen die Prioritäten zweimal am Freitagnachmittag, und ich habe am Wochenende nachgearbeitet“ beschreibt eine Situation, ein Verhalten und eine Wirkung. So ist die SBI-Methode aufgebaut. Danach fragst du, wie die andere Seite es sieht, und machst einen Vorschlag.
Wähl den Rahmen bewusst. Ein kurzes Gespräch unter vier Augen, um das du vorher bittest, passt meist besser als eine Bemerkung im Meeting oder eine lange Nachricht. Das Mitarbeitergespräch ist ein guter Anlass, aber du musst nicht darauf warten. Ein Beispiel von letzter Woche lässt sich leichter besprechen als eines von vor drei Monaten.
So kannst du es sagen
Prioritäten ändern sich kurzfristig
„Mir ist aufgefallen, dass sich die Prioritäten in den letzten Wochen zweimal am Freitag kurz vor Feierabend geändert haben. Ich habe dann am Wochenende nachgearbeitet und war am Montag schlecht vorbereitet. Können wir schauen, wie ich so etwas früher mitbekomme?“
Du wirst im Termin übergangen
„Im Kundentermin gestern hast du meine Antwort zweimal übernommen, bevor ich fertig war. Danach gingen alle Fragen nur noch an dich. Mir ist wichtig, dass ich meinen Teil selbst vorstellen kann. Wie siehst du das?“
Jeder Entwurf geht erst über den Tisch der Führungskraft
„Seit Projektstart schaust du dir jeden Entwurf an, bevor er rausgeht. Ich verstehe, dass dir das Ergebnis wichtig ist. Mir nimmt es aber Tempo, und ich weiß nicht, was dir an meiner Arbeit fehlt. Was müsste passieren, damit du mir die Freigabe überlässt?“
Etwas Gutes, das du sagen willst
„Dass ich den Vorschlag im Lenkungskreis selbst vorstellen durfte, hat mir viel bedeutet. Ich habe gemerkt, dass du mir das zutraust.“
Häufige Fragen
Darf ich meinen Chef überhaupt kritisieren?
Rückmeldung zur Zusammenarbeit gehört zur Arbeit, auch in diese Richtung. Ohne sie erfährt deine Führungskraft nicht, wie ihr Verhalten bei dir ankommt. Sprich über eine konkrete Situation statt über den Charakter, und tu es unter vier Augen.
Was, wenn mein Chef abwehrend reagiert?
Rechne damit, dass die erste Reaktion eine Rechtfertigung ist. Du musst das Gespräch nicht gewinnen. Bleib bei deinem Beispiel, frag nach der anderen Sicht und schlag vor, in ein paar Tagen noch einmal darüber zu sprechen.
Lieber sagen oder schreiben?
Sagen, wenn es irgendwie geht. In einer Nachricht fehlen Tonfall und Rückfragen, und Kritik liest sich schärfer, als sie gemeint ist. Schriftlich ist gut, um um ein Gespräch zu bitten oder danach festzuhalten, was ihr vereinbart habt.
Im Mitarbeitergespräch oder vorher?
Steht das Mitarbeitergespräch bald an, ist es ein guter Rahmen, denn dort geht es ohnehin um die Zusammenarbeit. Liegt es noch Monate entfernt, sprich es lieber jetzt an. Bis dahin ist das Beispiel verblasst und der Ärger gewachsen.
Häufige Fehler
Alles auf einmal ansprechen
Eine Liste mit fünf Punkten wirkt wie eine Abrechnung. Nimm das Beispiel, das dir am wichtigsten ist, und heb den Rest für später auf.
Vor anderen kritisieren
Im Meeting muss deine Führungskraft das Gesicht wahren und verteidigt sich eher. Unter vier Augen kann sie offener reagieren.
Andere vorschieben
„Das sehen alle im Team so“ macht aus deinem Anliegen eine Beschwerde über Dritte. Sprich für dich und für das, was du selbst beobachtet hast.
Nur sagen, was stört
Ohne Vorschlag bleibt die andere Seite ratlos zurück. Bring einen mit, auch wenn er noch nicht der endgültige ist.
Methoden für das Gespräch mit deiner Führungskraft
- SBI: Kritik konkret ansprechenSituation, Verhalten, Wirkung: Du sagst, was passiert ist, ohne die Person zu bewerten.
- BOUND: Erwartungen neu verhandelnWenn Termin, Umfang oder Ziele nicht zu schaffen sind und du mit Fakten dagegenhalten willst.
- Alignment Canvas: Rückhalt oder eine Entscheidung bekommenDu bereitest dein Anliegen so vor, dass es zu den Zielen deiner Führungskraft passt.
- Mediation: Spannung zwischen euch klärenWenn ihr euch uneinig seid oder das Verhältnis angespannt ist und es um mehr als eine Situation geht.
Steht ein bestimmter Anlass an?
Ein Gespräch für ein ganzes Arbeitsjahr.
Wenn sich ändert, für wen du arbeitest, oder du selbst diese Person wirst.

„Was genau ist passiert, und was hat es mit deiner Arbeit gemacht?“
Das frage ich, wenn mir jemand sagt: Ich will meiner Führungskraft etwas sagen und weiß nicht, wie. Wer darauf eine Antwort hat, hat das halbe Gespräch schon vorbereitet.

