Durch den Schmerz statt drumrum
Warum ich ein unangenehmes Gespräch lieber führe, bevor es in meinem Kopf immer größer wird.
- Konflikte
Im Termin haben wir uns auf Lösung A geeinigt. Kurz danach schlägt eine Kollegin im Chat vor, Lösung B weiterzuverfolgen.
Mein erster Gedanke ist: Jetzt fangen wir wieder von vorne an. Ich antworte nicht sofort. In meinem Kopf läuft schon das nächste Gespräch: Sie fühlt sich angegriffen, erklärt alles für ein Missverständnis, und am Ende streiten wir über mehr als diese eine Entscheidung.
Warum sie Lösung B vorgeschlagen hat, weiß ich noch gar nicht. Seit dem Termin könnte eine neue Information dazugekommen sein. Oder sie hat unsere Einigung anders verstanden.
Ich kenne den Impuls, erst einmal mit jemand anderem darüber zu reden oder den nächsten Termin abzuwarten. Das nimmt die Anspannung für einen Moment heraus. Je länger ich warte, desto eher höre ich aus dem Vorschlag im Chat auch eine Botschaft über unsere Zusammenarbeit interner Reflacto-Blogbeitrag: Sie trägt gemeinsame Entscheidungen grundsätzlich nicht mit.
Die Unsicherheit vor dem Gespräch
Wenn ich noch ärgerlich bin, warte ich mit meiner Antwort. Das hilft mir, genauer zu sagen, worüber ich sprechen möchte. Irgendwann muss ich das Gespräch dann aber auch führen.
Manchmal suche ich Umwege: Wir sprechen nur noch über Tickets oder bitten eine dritte Person, die nächste Entscheidung zu treffen. Die Chatnachricht bleibt zwischen uns stehen.
Der Vorschlag im Chat verunsichert mich: Wollte sie unsere Entscheidung ändern oder einen weiteren Gedanken einbringen? Wenn ich die Frage offenlasse, lese ich beim nächsten Termin womöglich auch in eine harmlose Rückfrage einen Widerspruch hinein.
Deshalb sage ich: „Durch den Schmerz statt drumrum.“ Der vermeintliche Schmerz ist das Gespräch selbst. Ich muss es führen, auch wenn ich mir vorher ausmale, wie unangenehm es wird. Erst dann erfahre ich, was die Kollegin mit ihrer Nachricht gemeint hat. Wir können danach immer noch verschiedener Meinung sein.
Den Konflikt benennen
Ich versuche, zuerst zu sagen, was ich beobachtet habe und was das bei mir ausgelöst hat. Für die Situation oben könnte das so klingen:
„Im Termin haben wir uns auf Lösung A geeinigt. Danach hast du im Chat vorgeschlagen, Lösung B weiterzuverfolgen. Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, ob du unsere Entscheidung ändern wolltest. Was war für dich nach dem Termin noch offen?“
Ich schaue auch auf meinen Teil: Habe ich die Entscheidung zu schnell zusammengefasst? Einen Einwand überhört? War überhaupt klar, ob die Diskussion beendet ist?
Beim nächsten Mal
Nachdem wir beide unsere Sicht gesagt haben, möchte ich wissen, was für die Arbeit jetzt gilt. Wir müssen uns darauf verlassen können, was nach einem Termin entschieden ist. Sonst taucht dieselbe Frage bei der nächsten Entscheidung wieder auf.
Bei Lösung A und B würde ich deshalb klären: Gilt unsere Einigung aus dem Termin weiterhin? Wo sprechen wir spätere Einwände an? Und wer sagt den anderen Bescheid, falls wir die Entscheidung ändern?
Vielleicht hatten wir unterschiedliche Vorstellungen davon, wann eine Entscheidung endgültig ist. Wenn Entscheidungen wiederholt außerhalb unserer Termine geändert werden, möchte ich das ansprechen.
Wir müssen nicht einer Meinung sein. Ich möchte aber wissen, worauf ich mich bis zum nächsten Gespräch verlassen kann.
Den ersten Satz sagen
Je länger ich das Gespräch aufschiebe, desto mehr geht es in meinem Kopf um die ganze Zusammenarbeit. Dabei lässt sich mein Anlass noch genau benennen: die Chatnachricht nach unserem Termin. Ich versuche, darauf zurückzukommen, solange sie noch frisch ist:
„Ich möchte unseren Termin von gestern noch einmal aufgreifen. Ich glaube, wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was danach gelten sollte. Hast du heute kurz Zeit, das gemeinsam zu klären?“
Der erste Satz kostet mich häufig die meiste Überwindung. Danach war das Gespräch oft weniger schlimm, als ich es mir vorher ausgemalt hatte.
