Was tatsächlich dasteht und was ich darin höre
Warum Aufschreiben in schwierigen Arbeitssituationen oft ein guter Anfang ist – und wann eine Reflexionsmethode zusätzliche Struktur geben kann.
Stell dir diese Nachricht eines Kollegen am Ende eines Arbeitstags vor:
„Die Änderung kam völlig überraschend. Das hätten wir vorab besprechen müssen. So können wir jetzt nicht weiterarbeiten.“
So oder so ähnlich kommt es vielleicht bekannt vor. Beim ersten Lesen klingt es wie ein persönlicher Vorwurf. Die Antwort ist schnell im Kopf formuliert. Nur antworte ich dann auf den gefühlten Vorwurf, nicht auf das, was tatsächlich dasteht.
In solchen Situationen hilft es mir, dem Grundsatz zu folgen: keine Nachrichten in emotionaler Interpretation absenden. Stattdessen schreibe ich mir die Situation und was gerade passiert ist auf. Das Schreiben zwingt mich, unfertige Gedanken zu Ende zu formulieren. Oft reichen ein paar Sätze und ich sehe die Situation aus einem anderen Blickwinkel.
Erst einmal aus dem Kopf
Im Kopf kann eine solche Situation überzeugend wirken oder einen mitnehmen. Beim Aufschreiben wird sie konkreter. Ich kann sie lesen, hinterfragen, Widersprüche erkennen und Vermutung von Beobachtung und Fakten trennen.
Im obigen Beispiel ist nur beobachtbar, dass er schreibt, dass die Änderung überraschend kam und eine vorherige Abstimmung gefehlt hat. Es steht dort nichts von Schuld oder Verantwortung. Das wäre eine mögliche Interpretation, jedoch weiß ich aktuell noch nicht, welche Information konkret gefehlt hat.
Ich versuche dabei, weder mich verteidigen noch mein Gegenüber zum Problem erklären zu müssen: Wir können beide gute Gründe für unsere Sicht haben nach dem Grundsatz: „Ich bin ok, du bist ok“
Manchmal hilft dieser Gedankengang beim Aufschreiben schon. Aus einer spontanen Rechtfertigung kann eine sachliche Rückfrage werden:
Was ich zuerst schreiben will: „Die Änderung stand seit Montag im Ticket, das war doch abgestimmt.“
Was darauf wird: „Ich sehe, dass die Änderung bei dir nicht angekommen ist. Welche Information hättest du wann gebraucht, damit ihr weiterarbeiten könnt?“
Natürlich kann sich meine erste Annahme, dass es tatsächlich ein Vorwurf war, im Gespräch bestätigen. Dann handle ich aber aus einer Tatsache heraus.
Schreiben kann also eine Distanz herstellen und im Arbeitsalltag die Brisanz rausnehmen.
Wenn das nicht ausreicht
Oft genügt mir das freie Aufschreiben. Manchmal komme ich aber an dem Punkt an, dass ich mir mehr Struktur oder Hilfe wünsche, um zu verstehen, wie ich jetzt in der Situation weiterkomme.
Meistens passiert das bei neuen Situationen, wenn mehrere Sichtweisen plausibel erscheinen oder wenn meine Handlung Folgen für andere haben kann. Oder wenn starke Gefühle es schwieriger machen, die Situation aus mehreren Perspektiven zu sehen.
Nicht zu wissen, wie es weitergeht, ist erst einmal nichts Ungewöhnliches.
Das sind für mich die Punkte, an denen ich an Methoden denke und aus meiner Erfahrung heraus eine aussuche. Damit meine ich eine Reihe von Fragen, die meinen Gedanken für eine bestimmte Herausforderung Struktur geben und mich leiten. Denn unterschiedliche Situationen brauchen verschiedene Herangehensweisen.
Dabei nimmt mir eine Methode weder Entscheidung noch Urteil ab, fordert mich aber anhand der Struktur und des Schreibens auf, eine Situation zu erkunden und wichtige Aspekte nicht zu übersehen. Dabei muss es keine aufwändige Struktur sein oder ein langer Fragenkatalog: weniger ist manchmal mehr bzw. ausreichend.
Das kann zum Beispiel der Dreisatz sein:
- Was sind Tatsachen?
- Was löst es bei mir aus?
- Was sind Vermutungen?
Die Trennung von Beobachtung und Bewertung ist wichtig und stammt unter anderem aus der Gewaltfreien Kommunikation.
Nicht jede schwierige Situation braucht eine umfassende Methode. Manchmal reichen drei Fragen und ein paar Minuten, in denen die erste Reaktion nicht sofort zur Antwort wird.
Genau dabei soll Reflacto unterstützen. Der Name verbindet reflect und act, also reflektieren und handeln: Reflacto nimmt dir keine Entscheidungen ab, sondern hilft dir, genauer hinzusehen und den nächsten Schritt bewusst zu wählen.
Vielleicht probierst du es bei der nächsten Nachricht aus, die dich spontan ärgert: Schreib zuerst auf, was tatsächlich dasteht und erst danach, was du darin hörst.
